Systemisches Konsensieren

Mitbestimmung ist ein Menschenrecht

Der Autor des folgenden Beitrags, Erich Visotschnig (Mathematiker/Physiker/Systemanalytiker) ist einer der Erfinder des Systemischen Konsensierens und folglich sehr erfahren im Umgang und der Anwendung. Durch seine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen erst zur Entwicklung dieser Methode inspiriert, führte ihn die Arbeit damit auch zu sehr weit führenden Schlussfolgerungen.

Mitbestimmung ist ein Menschenrecht

Parlamentarische Demokratie und Menschenrechte Artikel 21, Paragraf 1 der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« lautet:

»Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken«.

 

Der erste Teil des Paragrafen ist möglicherweise in der Schweiz verwirklicht.

Beachtet man aber das wichtige Wort „unmittelbar“, so ist dieses Recht nicht einmal dort realisiert. Und der zweite Teil ist meines Wissens nach nirgends verwirklicht. Denn ein Vertreter ist vielleicht ohne Zwang, aber nicht »frei« gewählt, wenn er nur aus einer Auswahl bestimmt werden kann, die zuvor durch andere festgelegt worden ist.

 

Natürlich verstehe ich, dass ein Artikel nicht umgesetzt werden kann, wenn die faktischen Möglichkeiten zur Umsetzung fehlen. Aber durch das Internet als auch durch Entscheidungsverfahren, die sich in der Zivilgesellschaft und Wirtschaft seit Jahren bewähren, ist der Artikel umsetzbar.

 

Ich spreche hier vom SK-Prinzip und dem daraus folgenden Systemischen Konsensieren. Beim SK-Prinzip geschieht nicht das, was die meisten wollen, sondern das, was die meisten mittragen können. Wer bei systemischen Konsensieren erfolgreich sein will, muss Vorschläge machen, die viele mittragen können, die also wenig Widerstand erzeugen. Daher gilt das sogenannte

»Machtparadoxon«: Wer sich mit Macht durchsetzen will, wird Widerstand ernten und ist daher unter den Bedingungen des SK-Prinzips zu Erfolglosigkeit verurteilt.

 

Nur wer fähig und imstande ist, in seinen Vorschlägen neben den eigenen Interessen auch die Bedürfnisse und Interessen der Andersdenkenden zu berücksichtigen, hat Chancen, Widerstand zu vermeiden und seine Vorschläge »konsensiert« zu erhalten.

 

Durch dieses neue Erfolgskriterium wird Entgegenkommen zu Eigeninteresse. Um erfolgreich zu sein, muss man die Bedürfnisse und Interessen der Andersdenkenden erforschen, verstehen und ihnen Rechnung tragen. Unter den Bedingungen des SK-Prinzips gehört der politische Parteienstreit daher der Vergangenheit an. Das wechselseitige Zerstören von Werten und Werken der jeweils politisch Andersdenkenden wird ersetzt durch Synergie, Kooperation und

gemeinsames Erarbeiten der jeweils besten Lösung für die Bevölkerung und den Staat.

 

Das Mehrheitsprinzip verlangt nach zweiwertigen Entscheidungen. Eine wirkliche Lösungsvielfalt würde das Mehrheitsprinzip restlos überfordern. Daher die gesetzliche Einschränkung auf die Schwarz-Weiß-Logik der Mehrheitsdemokratie.

 

So ist zum Beispiel im österreichischen Volksbefragungsgesetz ausdrücklich festgehalten, dass es sich um eine Ja-Nein- oder um eine Entweder-oder-Entscheidung handeln muss. Ganz anders das SK-Prinzip. Beim SK-Prinzip kann theoretisch über beliebig viele Vorschläge entschieden werden. Dadurch ist ein ganzes Spektrum an Alternativen möglich, um daraus die jeweils beste

auszuwählen. Diese Lösungsvielfalt erhöht einerseits die Chance, dass ein wirklich guter Vorschlag darunter ist. Andererseits kann sie von beliebig vielen entwickelt werden. Also auch von der Bevölkerung und vor allem von Betroffenen. Schließlich ist es auch eine Frage der Menschenwürde, ob Menschen bei Entscheidungen, die sie und ihr Schicksal persönlich betreffen, mitbestimmen können oder hinnehmen müssen, was andere für sie entscheiden.

 

Weil Vielfalt möglich ist, kann die Bevölkerung unbürokratisch und effizient in sämtliche politischen Entscheidungen eingebunden werden. Die kollektive Intelligenz der gesamten Bevölkerung kann sich entfalten. Es ist zu erwarten, dass sie zu Lösungen von Problemen führen wird, die derzeit – nicht zuletzt aus Machtinteressen – unlösbar erscheinen. Durch den Einfluss der Bevölkerung kann eine Demokratie jenseits von Macht und Profit entstehen. Es ist eine Demokratie,

in welcher nicht finanzstarke Organisationen und Großkonzerne das Sagen haben,

sondern die Bevölkerung.

 

Aufgrund des Machtparadoxons ist Systemisches Konsensieren ein Entscheidungsinstrument ohne ein Machtinstrument zu sein. Aussagen wie »Entscheidungen treffen heißt Macht ausüben« haben ihre Gültigkeit verloren.

Und dadurch sind auch sämtliche Argumentationen die darauf aufbauen, hinfällig.

 

Die parlamentarische Demokratie hat sicher eine lange Entwicklung hinter sich, aber wie der Erfolg des SK-Prinzips in der Zivilgesellschaft zeigt, ist diese Entwicklung noch nicht zu Ende. Wir haben oben festgehalten, dass unter den Bedingungen des SK-Prinzips unter vielen Vorschlägen entschieden werden kann.

 

Die Reduktion der Vorschläge auf die Vorschläge von wenigen Parteien oder gar einer einzigen Regierungskoalition ist nicht mehr nötig. Die Koalitionsbildung hat ihre Notwendigkeit verloren. Eine Minderheitsregierung muss sich nicht mehr im „freien Spiel der Kräfte“ für jedes Gesetzesvorhaben eine Mehrheit suchen. Sie kann eine ganzheitliche Politik betreiben, indem sie alle Parteien zur Lösungssuche durch Konsensieren einlädt.

 

Um zum Beginn des Artikels zurückzukehren: Durch die Existenz des Internets und die Entwicklung des SK-Prinzips ist Art. 21 der Deklaration der Menschenrechte in seinem vollen Umfang umsetzbar. Wer diese Umsetzung ablehnt und stattdessen eine andere Staatsform vertritt, in welcher Art. 21 nicht erfüllt ist, missachtet offensichtlich ein Menschenrecht. Ich kann mir vorstellen,

dass dieses Bewusstsein in vielen Kreisen (noch) nicht vorhanden ist. Zu gewohnt ist die derzeitige Situation. Vielleicht überdenken manche ihre Einstellung kritisch, wenn sie sich diese Missachtung vor Augen führen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.